Mittwoch, 28. November 2018

R.I.P. Versandhauskatalog


"Otto-Versand Hamburg!" Drei Worte, gesungen am Ende jedes Radio-Spots, war in den 1960 und 1970er Jahren jedermann im Ohr. "Gleich Katalog anfordern", setzte ein Sprecher oft noch hinzu.Für Viele war und ist der Markenname "Otto" zugleich ein Synonym für den Versandhandel. Doch die Konkurrenz von Neckermann und Quelle - beide heute Teile des Otto-Konzerns - standen dem "Vater" der Branche in nichts nach.

Der erste Otto-Katalog (Quelle: Otto-Pressebild)
Werner Otto (1909 – 2011) kam nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtling mit Frau und Kindern nach Hamburg, gründete eine Schuhfabrik und nach deren Konkurs 1949 einen Versandhandel mit Schuhen. Sein erster Katalog war von Hand gebunden und hatte einen Umfang von 14 Seiten; ebenfalls von Hand eingeklebte Fotos zeigten 28 Paar Schuhe. Auch die Auflage war mit 300 Stück bescheiden.

Schnell interessierten sich mehr und mehr Menschen für die Bestellung per Katalog. Das Angebot wuchs - von Möbel, über Mode und Technik. Mit dem Angebot stieg auch die Seitenzahl: Um das Jahr 2000 umfasste er  über 1000 Seiten und wurde in einer Auflage von zehn Millionen Stück gedruckt und an die Kunden verteilt .

Blick in den Katalog von 1953 (Otto-Pressebild)
Ich kann mich noch gut an jene Zeit erinnern, in der zweimal im Jahr die dicken Wälzer vor der Tür lagen. Ich glaube, meine Eltern waren bei allen drei Branchenführern Kunden, und so gab es dreimal pro Saison die Freude, den Hochglanzkatalog mit dem besonderen Geruch aus der Plastikfolie, die ihn vor den Einflüssen der Witterung schützen sollten, zu befreien und durchzublättern. Er kam als Beute gleich mit in mein Zimmer. Zuerst waren es hauptsächlich die Herbst/Winter-Ausgaben, die mit ihrem zu Weihnachten besonders üppigen Spielwarenangebot meine Aufmerksamkeit erregten. Dann mit beginnender Pubertät in den 70ern die Sommerausgaben mit den Schönen in Minirock und Bikini und natürlich die die Seiten mit den Dessous. Schließlich hatten es mir technische Produkte wie Plattenspieler oder Radios sowie Mode für junge Männer angetan, denn Otto galt immer als Vorreiter für Trends.

Am 22.11.2018 sprangen die Druckmaschinen ein letztes Mal an, um den Otto-Katalog zu drucken. Die Ausgabe Frühjahr/Sommer 2019 mit 656 Seiten voller Mode und Technik, Sportartikel, Wohntextilien, Spielsachen und Accessoires wird die letzte sein und mit ihr geht eine Ära des Versandhandels zu Ende. Ersetzt wird er in Zukunft durch eine App.

Mittwoch, 21. November 2018

Ras el-hanout


Nach wenigen Minuten bin ich wieder in den Souks und überrascht stelle ich fest, welche Geschäftigkeit in den schmalen Gassen schon wieder herrscht. Auch um diese Uhrzeit knattern die Mopeds, Gemüsehändler schieben Handkarren zu ihren Ständen und die Metzger bearbeiten Hühnchen, Lamm- und Kamelfleisch mit Hackbeilen und Messern. Ein süßlich-stechender Geruch erfüllt die Luft, Benzin mischt sich mit Blut, Gewürze mit Marihuana.
Fasziniert bleibe ich bei einem älteren Gewürzhändler stehen, der mit einer Kelle aus verschiedenen Bottichen schöpft und sein eigenes, ganz spezielles Ras el-hanout herstellt, jene Gewürzmischung mit allen Düften des Orients, die, manchmal über vierzig Bestandteile enthaltend, immer ein bestgehütetes Geheimnis ist und alle Speisen auf eine unglaubliche Weise veredelt.

So beschreibe ich in meiner Erzählung „Nacht über Marrakesch“ Eindrücke vom Besuch der Souks in Marrakesch. 

Ein ähnliches Erlebnis mit einem Gewürzhändler hatte ich jedoch im "Souk Berbère" von Inezgane. Kaum hatte der Händler mein Interesse bemerkt, lud er mich zu einem Gläschen Tee ein. Er sprach ein paar Brocken Englisch, ich flocht meine rudimentären Französisch-Kenntnisse in das Gespräch ein und zusammen mit Händen und Füssen ergab sich eine halbwegs gelungene Kommunikation. Sogar ein kleiner Handel über den Preis des Ras e-hanoutkam zustande, der beide Seiten zufriedenstellte – auch wenn mit klar ist, dass ich immer noch zu viel bezahlt hatte.


Ras el-hanout bedeutet „Kopf des Ladens“, denn traditionell wird die Mischung nur vom Chef des Gewürzladens persönlich hergestellt. Und so kommt es, dass keine Zusammensetzung der anderen gleicht und jeder Händler ein Geheimnis aus seinen Zutaten und Mischungsverhältnissen macht. Bis zu 25 verschiedene Gewürze können im Ras el-hanout enthalten sein; einige davon sind im deutschsprachigen Raum nur sehr schwer erhältlich. Die Mischung kann süße, scharfe und bittere Aromen enthalten. Übliche sind: Muskatnüsse, getrocknete Rosenknospen, Zimtstangen, Macis, Anis, Gelbwurz, Veilchenwurzel (eigentlich Schwertlilienwurzel), Chilischoten, Lavendelblüten, Weißer Pfeffer, getrocknete Ingwerwurzel, Gewürznelke, Pimentkörner, Kardamomkapseln und Galgantwurzel, Kreuzkümmel, Kümmel und Rosenpaprika.

Ich habe schon viel mit Ras el-hanout experimentiert. Dem Anfänger empfehle ich Hähnchen mit Ras el-haout-Kruste. Dazu einfach weiche Butter (ca. 40 g.), 1 EL Olivenöl, 1 EL Ras el-hanout, ca. 40 g Semmelbrösel, gehackte glatte Petersilie und gehackte Minze mischen. Das Hähnchen mit Salz und wenig Pfeffer würzen und bei Ober- und Unterhitze ca. 20 Minuten im Ofen vorgaren – sonst verfliegt das Aroma der Gewürze. Dann die Gewürzpaste aufstreichen und für 10 Minuten unter den Ofengrill legen.

Sonntag, 18. November 2018

Pseudo-Verlage oder Warum viele "Verleger" nicht vorlegen

Bücherschau 2011 (Foto: Wegner)
Alle Jahre wieder ... ist nicht  nur Weihnachten, sondern findet auch ein Ereignis statt, auf das sich viele Bücherfreunde und Leseratten schon Monate lang freuen: Die Karlsuher Bücherschau. Veranstaltet von Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband BW e.V., und dem Regierungspräsidium Karlsruhe, bietet die Schau bei einem gemäßigten Eintritt von 2,- Euro die Möglichkeit, stundenlang in Neuerscheinungen vor allem regionaler Verlage zu stöbern und sich in einem Café zu stärken. Und jedes Jahr gibt es auch ein Bücherland zu entdecken: diesmal die Niederlande. Viele Begleitveranstaltungen bringen Publikum und Autorinnen/Autoren einander näher.

Eine tolle Sache, die gelobt werden muss.

Doch HALT. Alles ist nicht so toll, wie es auf den ersten Blick aussieht. Denn zwischen die vielen Verlagen, die ihr Programm mit Herzblut und leider viel zu oft mit Selbstausbeutung auf die Beine stellen, mogeln sich immer wieder Pseudo-Verlage, von denen man beides nicht behaupten kann. Und "mogeln" müssen sie auch nicht mehr, denn Branchenkennern sind sie bekannt.

Was ist denn ein Pseudo-Verlag?
Bevor Betroffene hier aufschreien: U.a. hat das Landgericht München am 05.02.2009 entschieden, dass der Begriff "Pseudoverlag" zulässig ist ( (Az. 4 6 U 2250/09). Die Bezeichnung Pseudoverlag "charakterisiert und beschreibt den Unterschied der Leistungen des Dienstleisterverlages von denen der üblichen Publikumsverlage, die insbesondere die finanziellen Aufwendungen für die Herausgabe eines Manuskripts als Buch vorlegen" - so der Wortlaut des Urteils.

"Vorlegen" - das ist der entscheidende Unterschiede zwischen einem richtigen Verlag und den Pseudo-Verlagen, die nichts anderes sind als getarnte Druckereien. Denn sie verlangen von der Autorin / dem Autor Geld dafür, dass sie ihr/sein Buch auf den Mark bringen. Ihr wichtigestes Argument ("Dann bekommen Sie auch eine ISBN-Nummer.") ist schon längst hinfällig, denn jeder Self-Publisher weiß mittlerweile, wie man eine solche Standard-Buchnummer bekommen kann.

Das Wort "Verleger" stammt aus der vorindustriellen Zeit und bezog sich vor allem auf die Herstellung von Textilien. Sie wurden von den so genannten Verlegten in Heimarbeit hergestellt und vom Verleger zentral vermarktet . Das Wort "Verlag" leitet sich von "Vorlage" ab. Der Verleger tritt mit Geld und/oder Rohstoffen in Vorlage (dazu Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 1, Beck, München 1989, S. 94–97). Also ist ein Verleger jemand, der bereit ist, für ein Buch, an dessen Erfolg er glaubt, Geld vorzustrecken (für Lektorat, Layout, Druck, Marketing) und dann den Erlös mit der Autorin/dem Autor teilt. Alles andere hat mit dem Begriff "Verlag" nichts zu tun.

Wer Pseudo-Verlage unterstützt, beschädigt den Buchmarkt und trägt mit dazu bei, dass professionelle und gute Autorinnen und Autoren in immer prekäreren Verhältnissen leben und arbeiten!

Das musste gesagt werden und sei den Verantwortlichen der Bücherschau ans Herz gelegt.

Wer selbst nachsehen möchte: Hier ist eine Liste der Pseudo-Verlage, die lange noch nicht alle enthält, die es gibt und die auf der Karlsruher Bücherschau vertreten sind.

Mittwoch, 14. November 2018

In den Souks

„Es ist die Stimme des Blonden gewesen, die mich aus dem Bann des Geschichtenerzählers gerissen hat. Er nimmt mich am Arm und führt mich fort aus dem Gewühl des Platzes hin zu einem dunklen Eingang, der zwischen Souvenirläden wie der Schlund zur Hölle wirkt.

Zuerst kann ich nicht erkennen, wohin wir gehen, doch dann wird mir klar: Der Blonde führt mich in die Souks, die einem gigantischen Labyrinth gleichenden Märkte Marrakeschs!


Kaum dass wir die Schwelle überschritten haben, umfängt mich eine fremde, im Halbdunkel liegende Welt. Hier, unter dem vor Sonne, Wind und Regen schützenden Wellblechdach, das nur ab und an Öffnungen aufweist, herrscht ein irrsinniges, von vielen Funzeln unterschiedlicher Art und Größe diffus erhelltes Gewusel, das einer ungeschriebenen Gesetzmäßigkeit zu folgen scheint.


Meine Augen brauchen einen Moment, um sich an das Zwielicht zu gewöhnen, dann betrachte ich die Auslagen der Händler etwas genauer und werde von meinen orientalischen Träumen in die Wirklichkeit zurückgeholt. T-Shirts, Schuhe, Handtaschen, Parfüms und die üblichen kitschigen Souvenirs liegen, stehen und hängen dicht an dicht in den schmalen, engen Verschlägen der Händler, die allesamt durch Zurufen einzelnen Wortbrocken der verschiedensten Sprachen herauszufinden versuchen, wo ich einzuordnen bin.
(…)
Mein neuer Freund biegt immer wieder nach links und rechts in neue, oft noch dunklere Gassen ab und ich habe längst jede Orientierung verloren. Will er mich mit Absicht verwirren, mich von ihm abhängig machen? Ohne seine Hilfe finde ich hier nicht mehr hinaus. (…) Ich muss schneller laufen, um ihn nicht zu verlieren. Muss mich vorbeizwängen an Körpern, kann mich bei ungewollten kleinen Remplern nicht entschuldigen, und weiche ständig den Mopeds aus, die knatternd, hupend und betäubend nach Benzin stinkend durch die Gassen der Souks rasen. Wenn eines heranbraust, folgen darauf noch weitere. Das habe ich schnell verstanden.“



Diese Zeilen, die aus meiner Erzählung „Nacht über Marrakesch“ stammen, schrieb ich unmittelbar, nachdem ich selbst die Märkte der alten marokkanischen Königsstadt durchstreift hatte. Ich folgte keinem blonden, geheimnisvollen Mann – nein viel schlimmer: Ich folgte einem Sandmann, der aus Star Wars entschlüpft zu sein schien. Er führte mich durch ein Gewirr aus schmalen Gassen, bis wir
Foto: Wolfgang Wegner
endlich den großen Platz, den Djemaa el-Fna, erreicht hatten.

Foto: Wolfgang Wegner
Keine Worte vermögen wiederzugeben, in welch eine Mischung aus Gerüchen und Geräuschen der Besucher der Souks von Marrakesch eingebettet wird.
Lebensmittel aller Art, Gewürze, Leder, Stoffe, Metallwaren - nach jeder Wegbiegung ein neues Staunen!

Doch leider findet sich auch immer wieder und immer öfter Kitsch, der an Touristen verhökert wird, die zudem glauben, mit dem Verkäufer handeln zu können. Doch kein Westler beherrscht die arabische Kunst des Handelns - man wird immer den Kürzeren ziehen, doch vom Gegenüber das Gefühl bekommen, der Gewinner zu sein.

Mir schien, als bildeten Touristen die Mehrheit der Besucher des Souk in Marrakesch. Um soviel  dankbarer war ich daher, als ich ein paar Tage später die Möglichkeit erhielt, mit einem privaten Guide zum "Souk Berbère" der Stadt Inezgane, südlich von Agadir, zu fahren und in einen Markt einzutauchen, den Touristen (noch) nicht entdeckt haben.

Ein Taxi brachte uns in die Stadt und nach einem kurzen Fußweg erreichten wir den Berbermarkt. kein westliches Gesicht weit und breit.  Als wir immer tiefer in das Labyrinth der Gassen eintauchten, machte sich ein gewisses Gefühl der Unsicherheit breit. Würde ich alleine wieder herausfinden? Ich beruhigte mich mit den Segnungen der modernen Technologie. Das Handy hatte Empfang und Google Earth kannte auch diesen Ort.

Bald jedoch überlagte die Faszination die Unsicherheit. Ich konnte gar nicht alles verarbeiten, was ich sah und wahrnahm. Und ich vergaß das Fotografieren. Wir passierten Metzgereien, deren Auslage mit aufgespießten Hammel- und Kamelköpfen jeden deutschen Beamten des Wirtschaftskontrolldienstes in die Ohnmacht getrieben hätte. Wir gingen an Fischhändlern vorbei, die ihre Ware auf grob behauenen Steinen ausnahmen. Ich sah Goldschmiede, Töpfer, Kesselschmiede - und schließlich stoppte mein Guide zu meiner großen Freude bei einem Gewürzhändler ....

Fortsetzung folgt!!



Mittwoch, 7. November 2018

1974: Das Märchen nach dem Regen

„Die haben doch einen mehr auf dem Platz!“
„Nein, Oma, die haben auch nur 11 Spieler.“
„Ach Quatsch, ich seh doch, dass die einen mehr auf dem Platz haben!“

So ging das jetzt schon seit Beginn der zweiten Halbzeit. Oma war nicht davon zu überzeugen, dass die niederländische Mannschaft genauso viele Spieler wie das Team von Bundestrainer Helmut Schön auf dem Platz hatte. Und um ehrlich zu sein: Man konnte schon den Eindruck gewinnen, die Oranjes hätten einen Spieler mehr auf dem Platz; sie waren einfach überall und wuselten zwischen den deutschen Abwehrspielern herum. Immer wieder scheiterten sie am überragenden Sepp Maier – und rannten wieder an.
Und trauten wir damals den Holländern nicht alles zu?

Die Szene kurz vor dem Foul: Johan Cruyff auf dem Weg in den Strafraum
Alles hatte ja schon dramatisch begonnen: Johann Cruyff läuft dem kleinen Berti Vogts schlaksig und zugleich dynamisch davon, Uli Hoeneß bliebt kurz hinter der Strafraumgrenze nichts anderes mehr übrig, als das Bein zu stellen – Elfmeter! Und das schon in der 53. Sekunde!
Johan Neeskens verwandelt, Sepp Maier hat keine Chance.

In der 23. Minute umspielt Bernd Hölzenbein nicht zwei, nicht drei, sondern vier niederländische Spieler und kann im Strafraum ebenfalls nur durch ein Foul gestoppt werden.
Paul Breitner schnappt sich den Ball und legt ihn auf den Punkt. Später sagte er: „Ich hätte das Ding keinem anderen mehr überlassen!“ Er schieß in die linke untere Ecke – und trifft. 1:1
Dann die 42. Minute: Rainer Bonhof flankt von der rechten Seite, Gerd Müller lässt, bedrängt von zwei Niederländern, den Ball abprallen, dreht sich um die eigene Achse und schieß mehr schlecht als recht – doch der Holländische Keeper Jan Jongbloed steht auf dem falschen Fuß und es seht 2:1 für das bundesdeutsche Team.
Als Schiedsrichter John Taylor aus England das Spiel am 07. Juli 1974 abpfeift, ist Deutschland mit jenem 2:1 gegen die Niederlande Fußballweltmeister. Wir sind alle durchgeschwitzt, heiser und glücklich.

Das Wort Sommermärchen war damals noch nicht erfunden. Ein Märchen war es trotzdem, nur der Sommer wollte nicht so richtig in die Gänge kommen. Regen, Regen, Regen…
In der zweiten Finalrunde – anstelle von Achtel- Viertel- und Halbfinale – hatte es die deutsche Mannschaft mit Polen, Schweden und Jugoslawien zu tun. Gegen Jugoslawien schien am 26. Juni noch die Sonne (2:0 für Deutschland), doch dann kam’s dicke bzw. nass.

Am 30. Juni meldete die Wetteragentur für den Spielort Düsseldorf: 16 Grad, Dauerregen. Es goss in Strömen, die langen Haare vieler Spieler klebten im Gesicht. Schon bald waren alle Spieler auf dem Platz komplett durchnässt. Am Ende hieß es 4:2 für die deutsche Mannschaft und Franz Beckenbauer bekam für seine Leistungen wieder das Prädikat „Weltklasse“.

Noch schlimmer waren die Spielbedingungen am 3. Juli in Frankfurt. Kurz vor dem Spiel war ein Wolkenbruch heruntergekommen und hatte das Spielfeld im Frankfurter Waldstadion unbespielbar gemacht: Der auch ohne Regen schon nicht mehr besonders gute Rasen und die Tartanbahn bildeten eine einzige Seenplatte, Tribüneneingänge standen unter Wasser. Mit Saugwalzen und Wasserpumpen versuchte man, der Lage Herr zu werden, denn einen Ausweichtermin konnte es für das Spiel nicht mehr geben, es musste stattfinden. Mehr schlecht als recht wurde das Spielfeld von den gröbsten Wassermassen befreit, so dass der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr mit 30-minütiger Verspätung anpfeifen konnte.
Kurzpässe, die Stärke der Polen, blieben nach fünf Metern einfach im Wasser liegen, Flanken schossen dem annehmenden Spieler vom Fuß. Gegen Ende regnete es wieder, Fußball wurde zu Wasserball und die Spieler lagen im Morast. Immerhin gelangen Rainer Bonhof, Bernd Hölzenbein und Gerd Müller eine Bilderbuchkombination, die der Stürmer zum 1:0 verwandelte. Und mit diesem Ergebnis endete die „Wasserschlacht von Frankfurt“ (so die Medien).

Seit damals stehen die Maskottchen Tip & Tap bei mir im Regal. Zur Erinnerung habe ich sie aber nicht im Regen stehen lassen, sondern in die Sonne gestellt.



Fotonachweis:
1) Bundesarchiv, Bild 183-N0716-0314 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA 3.0
2) Wolfgang Wegner

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Max und Moritz, diese beiden ... - Wilhelm Busch im LA8

Das Ehepaar

Gleich nachdem ich das Café betreten hatte und mich nach einem Platz umsah, entdeckte ich sie: Sie saßen einander gegenüber am Fenster, ihre Unterhaltung war dezent und leise. Ihn hätte man in seiner schlichten beigen Strickjacke wohl kaum beachtet, wäre da nicht seine Frau mit dem neckischen Hütchen auf dem Kopf gewesen, unter dem sich eine Frisur Bahn brach, die ich nur noch aus alten Fotografien meiner Eltern aus den 50er Jahren kannte. Irgendwie wirkte die Dame deplatziert, wie aus der Adenauerzeit in die Gegenwart versetzt, und doch auch wieder passend in einem Café des Baden-Badener Kurhauses.
Ich nahm einem Tisch Platz, von dem aus ich die beiden im Blick hatte. Ob sie wohl jeden Tag hier sitzen? Aus alter Gewohnheit immer am selben Platz, dasselbe Essen bestellend? Dass die beiden, die ich auf ungefähr 70 schätzte, auf Essen warteten, ware am Gedeck unschwer zu erkennen.
Lange mussten sie nicht mehr warten, dann kam der Kellner mit einem Flammkuchen, den er zwischen das Ehepaar auf den Tisch stellte. Ich sah, wie er zögerte, sich wieder zu entfernen. Ich wurde wieder neugierig. Die Dame schien mit dem Gebrachten nicht zufrieden zu sein. Der Kellner zuckte mit den Achseln, dann machte er Anstalten, den Flammkuchen wieder mitzunehmen. Er hatte das Holzbrett schon wenige Zentimenter von der weißen Tischdecke gehoben, doch den Mann bedeutete ihm, den Flammkuchen stehen zu lassen. Also senkte er das Holzbrett zurück auf den Tisch.
"Nein, nein". Am Kopfschütteln waren die Worte der Dame unschwer zu erkennen. "Das war es nicht, was wir bestellt haben". Der Kellner nahm das Brett wieder in die Hand. Doch ein Strickjackenarm hob sich: "Lassen Sie es. Es ist gut", sagte diese Geste. Der arme Kellner legte Brett samt Flammkuchen wieder auf die weiße Tischdecke und sah zwischen den beiden hin und her. Auf ein Nicken der Dame hin drehte er sich um und verließ ohne Flammkuchen den Tisch. Ich musste grinsen, als ich sah, wie der arme Mann vor sich hinmurmelte und konnte mir seine kleine Schimpftirade gut vorstellen.

Wilhelm Busch im "LA8"

Wäre ich Wilhelm Busch, so hätte ich Bleifstift und Zeichenblock hervorgeholt. Eine Szene wie geschaffen für eine jener Bildergeschichten, in denen der norddeutsche Zeichner, Maler und Dichter (1832 - 1908) sich satirisch über meist spießbürgerliche Typen und gesellschaftliche Gruppen lustig macht.

Wilhelm Busch: Selbstbildnis in Graublau (1869) , Öl auf Holz, Museum Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst
Die meisten von uns kennen die "Max und Moritz"-Geschichten und wissen nicht, wie vielseitig das Werk Buschs war. In einer Ausstellung im "LA8" in Baden-Baden kann man diese Wissenslücken schließen und das Werk Wilhelm Buschs in den Reigen der Vorläufer und Nachfolger einreihen. Leider wurde versäumt, die Schau mit modernen museumsdidaktische Ideen und Konzepten auszustatten, so dass man sich im ersten Teil, der den Bildergeschichten gewidmet ist, zunächst etwas verloren vorkommt und den eigenen Weg zwischen Tafeln und Vitrinen suchen muss. Die Malerei im Obergeschoss erschließt sich dem Betrachter leichter.

Wilhelm Busch: „Wart’ Dich werden wir gleich haben!“ aus: Die Maus (1860), Münchener Bilderbogen Nr. 278, Slg. D. Ante
Kein Comic-Vater

Gelernt habe ich, das Wilhelm Busch nicht der "Erfinder" des deutschen Comis gewesen ist. Schon vor "Max und Moriz", "Plisch und Plum" oder "Hans Huckebein" erfreuten sich die Leser politisch-satirischer Blätter an kurzen Geschichten, bei denen Bild und Text verbunden waren. Den Anfang machten ab 1844 die "Fliegenden Blätter", es folgten die "Düsseldorfer Monatshefte" ab 1847 und ein Jahr später der "Münchner Bilderbogen" und der "Kladderadatsch". In Neuruppin druckte Gustav Kühn (1794 - 1868) Bilderbogen, also Lithografien mit Texten; den Anfang machte "Aschenbrödel oder Geschichte der gläsernen Pantoffen" (Mitte der 1830er Jahre).
Aber auch wenn Busch nicht der Vater des deutschen Comic ist, bleibt er doch ein Zeichner und Dichter mit spitzer Feder, einer der genialsten Beobachter der Biedermeier-Gesellschaft in Deutschland.